Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas spricht in einer englischen Erklärung von „diesem Krieg“, die „Tagesschau“ macht den „russischen Angriffskrieg“ daraus. Stellt sich die Frage: Ab wann werden freie Übersetzungen in Nachrichtenbeiträgen problematisch? Und welche redaktionellen Vorgaben braucht es?
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Aus „diesem Krieg“ wurde der „russische Angriffskrieg“
In der 20-Uhr-„Tagesschau“ verwendete Hassel einen O-Ton der EU-Außenbeauftragten Kaja Kallas, den die Korrespondentin auf Deutsch wie folgt übersetzt:
„Ich bedaure es sehr, dass wir heute keine Einigung erzielen konnten. Kurz vor dem traurigen Jahrestag des russischen Angriffskriegs hätten wir ein starkes Signal an die Ukraine senden wollen.“
Die entspricht, wie der Übermedien-Leser zutreffend bemerkt, nicht ganz dem englischen Original. Man kann es sich in einem Video derselben Erklärung ansehen, das der Audiovisuelle Dienst der Europäischen Kommission ins Netz gestellt hat. Demnach sagte Kallas (nach etwa einer Minute und 15 Sekunden):
„I really regret that we didn’t achieve agreement today, considering that tomorrow is the sad anniversary of the start of this war, and we really need to send strong signals to Ukraine that we keep on helping Ukraine […].“
Eine wörtliche Übersetzung könnte so lauten:
„Ich bedauere es sehr, dass wir heute keine Einigung erzielen konnten, wenn man bedenkt, dass morgen der traurige Jahrestag des Beginns dieses Krieges ist und wir der Ukraine wirklich starke Signale senden müssen, dass wir ihr weiterhin helfen werden […].“
Journalismus sollte keine Formulierungshilfen liefern
Die ARD-Übersetzung weicht also an zwei Stellen ab: Die Außenbeauftragte spricht nur von „diesem Krieg“ („this war“), nicht vom „russischen Angriffskrieg“. Und sie bezieht sich am Ende des O-Tons nicht auf die Vergangenheit, sondern formuliert im Präsens: Wir müssen starke Signale senden statt Wir hätten senden wollen.
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Tatsächlich bestätigt der NDR, dass sich die Redaktion der ARD-Nachrichtenformate auf die Bezeichnung „russischer Angriffskrieg“ als „in den Sprechertexten bevorzugte Formulierung“ verständigt habe. Wenngleich dies „keine feste Vorgabe“ sei und sich nicht auf Übersetzungen beziehe.
Vollständiger Beitrag auf Übermedien: https://uebermedien.de/114803/keine-festen-richtlinien-wie-die-tagesschau-ihre-o-toene-uebersetzt/
Wie die „Tagesschau“ ihre O-Töne übersetzt
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