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Re: Bücherecke

Verfasst: 2. März 2026, 13:39
von Maren
Bürgerlicher Tod
Hannes Hofbauer geht in seinem Buch über die EU-Sanktionen gegen Baud und Co. zurück bis ins Mittelalter. Ein Muss für Historiker der Gegenwart.


Text: Michael Meyen

Sachbücher sind ein Indikator für die Qualität des Journalismus. Warum sollte ich Geld und Zeit investieren in lange Texte ohne Bilder, wenn mir Presse, Funk und Fernsehen alles liefern, was ich wissen muss? Warum sollte ich Serie, Film und Fußballspiel sausen lassen und mich stattdessen noch am Abend im Lesesessel quälen?

Antwort eins: Leitmedienrealität und Plattformöffentlichkeit sind längst beschnitten, kastriert, eingehegt. Antwort zwei: Sachbücher laufen (noch?) unter dem Radar der Zensurmaschine, weil sie etwas verlangen, was in Zeiten von Dauerbeschallung, Aufregung und Ablenkung längst keine Selbstverständlichkeit mehr ist (Konzentration, Muße, Bildung) und weil sie, aus Sicht der Macht noch wichtiger, nicht mobilisieren können und deshalb keine Revolutionsgefahr transportieren. Ein Tweet, der viral geht, eine TV-Sendung, von Millionen gesehen zur gleichen Zeit, und selbst ein Stadionkonzert mit 70.000 Fans sind von oben betrachtet viel bedrohlicher.

So gesehen ist es kein Zufall, dass der beste Journalismus derzeit im Buchladen stattfindet. Hannes Hofbauer, Historiker und Verleger aus Wien, Jahrgang 1955, verkörpert diesen Trend wie kaum ein zweiter. Anfang 2022 half sein Buch Zensur jedem zu verstehen, wie KenFM und Russia Today, die beiden reichweitenstärksten Kanäle der deutschsprachigen Gegenöffentlichkeit, ausgeschaltet wurden und warum Leitmedien und Berufsverbände dazu entweder geschwiegen oder sogar Beifall geklatscht haben. Zwei Jahre später folgte Im Wirtschaftskrieg über die Russlandpolitik des Westens und nun, wieder punktgenau und so aktuell, wie es das Format nur erlaubt, etwas über die EU-Sanktionen gegen Personen.

Alle drei Bücher folgen dem gleichen Muster. Etwas mehr als 200 Seiten und damit an ein paar Abenden zu schaffen, aufgehängt an den Debatten des Tages, aber angereichert mit Kontext, historischer Tiefenschärfe sowie einer analytischen Klarheit und Brillanz, die sich auch aus der Welt- und Lebenserfahrung eines Autors speist, der sich politisch links verortet, aber daraus keine Scheuklappen macht, und Osteuropa zudem wie seine Westentasche kennt.

„Ich habe Glück gehabt, dass ich nicht eliminiert wurde“, hat Jacques Baud im Februar in der Ostdeutschen Allgemeinen gesagt, ein Schweizer, der mit seinen Analysen Politik und offizielle Erzählungen als Propaganda entlarvt, jetzt nicht mehr in sein Heimatland kann und, so sagt er das in der OAZ, auch ein Opfer von Dummheit ist:

Meine Theorie ist, dass die EU-Beamten gar nicht gewusst oder einfach nicht recherchiert haben, dass ich in Brüssel wohne. Das zeigt, wie inkompetent so ein Entscheidungsprozess in der EU abläuft.

Hannes Hofbauer stellt den Fall Baud in einen Rahmen, zu dem nicht nur Alina Lipp und Thomas Röper gehören, zwei deutsche Journalisten, die aus Russland berichten, Jozef Hambálek, ein Slowake, 2022 der erste EU-Bürger, dem das Vermögen eingefroren und der dann von seinem Regierungschef befreit wurde, oder Hüseyin Doğru, der Helge Buttkereit am Medien-Tresen gleich mehrfach beschäftigt hat (auch hier und hier) und zur „Theorie“ von Jacques Baud zu passen scheint, weil er von der EU-Bürokratie offenbar als Türke gesehen wurde und nicht als Deutscher, mithin also als jemand, der leicht des Landes hätte verwiesen werden können (Seite 179). Hofbauer sagt:

Die Geschichte der Menschheit ist voll von herrschaftlichen Repressionen, die unliebsame Untertanen und missliebige Bürger zu rechtlosen Unpersonen machten. (Seite 9)

Vogelfrei im Mittelalter und die Reichs-Acht, Verbannung und Ausweisung, als die Städte wuchsen und so schlechter zu kontrollieren waren (eine Parallele zum Siegeszug der Plattformen heute), Ausbürgerungen im Nationalsozialismus (schon damals ein Politikum: Spenden an die Rote Hilfe), die Lager in Sibirien. Immer, sagt Hannes Hofbauer, sind es „politische Umstände, die starke Staaten oder Staatengruppen dazu veranlassen, Oppositionelle, so sie ihnen gefährlich werden, zu bekämpfen.“ (Seite 35) Dass Westeuropa nach dem Krieg lange davon verschont blieb, hat mit einem Wohlstandsschub zu tun, der satt gemacht hat und zufrieden, mindestens genauso viel aber mit der Konkurrenz im Osten.

Hannes Hofbauer zu lesen, heißt: Ich bekomme das ganze Bild. Der anti-russische Furor in der Ukraine spätestens ab 2014, zu dem neben dem Gewerkschaftshaus in Odessa Kontokündigungen, Zensur, Canceln und Löschungen sowie eine Selbstmordserie von prorusssischen Politikern und Journalisten gehören. Die Kopie dieses Vorgehens in Brüssel, tastend zunächst, von Politikern und Strategen langsam ausgeweitet auf Oligarchen, Journalisten und nun auch Wissenschaftler, immer getragen vom „Wunsch nach einem Regimewechsel in Russland“ (Seite 84). Moskaus Gegenmaßnahmen. Die USA. Neokoloniale Züge. Die Naivität von Menschen, die sich für links halten und glauben, dass es mit den Oligarchen nun endlich den Superreichen an den Kragen gehe und damit einem Wirtschaftssystem, von dem sie selbst profitieren, das sie aber doch zu bekämpfen glauben. Und, sicher am wichtigsten, die Ursache für die Anleihen beim Kriegsrecht: Vor einem normalen Gericht hätten die Sanktionen keinen Bestand.

Eine Behörde in Brüssel nimmt Zurufe auf, geht diesen vielleicht auch penibel nach (was in der allgemeinen russophoben Stimmung nicht sehr wahrscheinlich ist) und listet Personen und Organisationen aus, so wie ein Supermarkt Produkte aus dem Regal verbannt. (Seite 146)

Wer in der freien Wildbahn auf Menschen stößt, die all das nicht wahrhaben wollen und weiter an Recht und Gesetz glauben, hat mit diesem Buch eine Argumentationshilfe. Sachlich und nüchtern, geschrieben ohne Schaum vor dem Mund. Ändern wird das nichts, aber immerhin haben unsere Kinder und Enkel nun etwas, was sie eines Tages den Historikern unserer Gegenwart in die Hand drücken können.

https://mediashop.at/buecher/aller-rechte-beraubt/

Hofbauer, Hannes: Aller Rechte beraubt.
Mit außergerichtlichen EU-Sanktionen zum autoritären Staat

ISBN: 978-3-85371-556-7. Kategorie: Politik und Ökonomie.
Promedia 2026. 224 S. 14,8 x 21. brosch.
Print: € 22,00. ISBN: 978-3-85371-556-7.
E-Book: € 17,99. ISBN: 978-3-85371-938-1.