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Regierungspropaganda statt Sachinformation

Hier veröffentlichen wir externe Programmbeschwerden mit freundlicher Genehmigung der Beschwerdeführer. Es wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die in den Beschwerden thematisierten Anliegen ausschließlich in der Verantwortung der jeweiligen Beschwerdeführer liegen und diese nicht automatisch die Meinung der Forenbetreiber wiederspiegeln.
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Maren

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Regierungspropaganda statt Sachinformation

BeitragMo 18. Sep 2017, 11:51

Programmbeschwerde: Regierungspropaganda statt Sachinformation

http://www.tagesschau.de/multimedia/kur ... d-101.html
Link-Tipp: #kurzerklärt: Nimmt die Ungleichheit in Deutschland zu? (tagesschau.de)
15. September 2017 - 19:42 Uhr

Sehr geehrte NDR-Rundfunkräte,

Die Quintessenz eines neuerlichen Musterfalls regierungsfrommer Propaganda, die sich zunächst eher objektiv und sachlich zu geben versucht, wird gleich am Anfang dieses Beitrags der ARD-aktuell dem Publikum verabreicht:

„Die Schere zwischen Arm und Reich in Deutschland ist laut Statistik in den vergangenen Jahren nicht weiter auseinander gegangen. Sie hat sich aber auch nicht weiter geschlossen.“


Mit einem auf den ersten Blick nicht erkennbaren Trick gelangt tagesschau.de zu dieser realitätsfernen Bewertung der sozialen Kluft, die unsere Gesellschaft spaltet: Es werden jeweils die prozentualen Steigerungssätze der Einkommen der untersten 20 Prozent und der obersten 20 Prozent miteinander verglichen. Das vermeintlich objektive Ergebnis wird der Bevölkerung als Sedativ im Interesse der regierenden und für die tiefe soziale Kluft verantwortlichen Parteien kurz vor der Bundestagswahl verabreicht – eine journalistische Dreistigkeit der Sonderklasse.

Wir wollen Sie hier gar nicht erst mit Volksweisheiten konfrontieren a la „Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast“, oder „Äpfel sind nicht mit Birnen zu vergleichen“. Schon ein paar wenige Argumente entlarven dieses Schauerstück:

Die Mitteilung

„Die Hälfte der Deutschen mit den höheren Einkommen kommt auf rund 70 Prozent des gesamten Einkommens, die Hälfte mit den niedrigeren Einkommen auf 30 Prozent.“

ist an Plattheit und Dämlichkeit nur mit dem Spruch vergleichbar, dass der Mensch seine 37 Grad Körpertemperatur auch dann austarieren könne, wenn er gleichzeitig seinen Kopf in den Kühlschrank und den A... in den Ofen stecke. Billige Trickserei liegt vor, weil nicht mit konkreten Summen in Euro, sondern mit abstrakten Prozentsätzen argumentiert wird; Trickserei, weil man mit der willkürlichen Festlegung des (sehr langen) Betrachtungszeitraums erheblichen Einfluss auf das Ergebnis nimmt; Trickserei, weil nicht konkrete und abgestufte Netto-Einkünfte zum Vergleich herangezogen, sondern Durchschnittswerte dargeboten werden – obwohl doch zum Beispiel zu berücksichtigen gewesen wäre, wie viel stärker die Sozialversicherungsbeiträge die unteren Einkommensbezieher belasten als die oberen...

Die ganze Willkür und Oberflächlichkeit der von ARD-aktuell angebotenen Statistik-Show wird ersichtlich, wenn Sie sich ins Gedächtnis rufen, dass es aufgrund lässiger deutscher Steuerpolitik zugunsten der Eliten keinerlei abgesicherte Erkenntnisse über die Höhe derer Vermögen gibt. Da wird mit mehr oder weniger seriösen Schätzungen gearbeitet, weil selbst dem Staat umfassende Einblicke fehlen, bzw. weil er im Falle der Eliten nicht mit derselben Akribie und Schärfe die Vermögenslage kontrolliert wie im Falle simpler Lohn und Gehaltsempfänger.

Für Interessierte an einem halbwegs sachgerechten Blick auf den Zustand unserer Gesellschaft hat die im Internet abrufbare „Vermögens- und Schuldenuhr“ bereits mehr Informationswert als der gesamte Beitrag der ARD-aktuell.
Quelle: http://www.vermoegensteuerjetzt.de/topi ... nsuhr.html

Ohne Informationsgehalt ist auch die hier gebotene Darstellung der pauschalen durchschnittlichen Einkommen der jeweils reichsten und ärmsten 20 Prozent der Bevölkerung. Sie hat nur propagandistisches Gewicht. Die extrem breiten Vergleichsbänder, der vieljährige Zeitraum der Betrachtung und die in sich nivellierten Größen ergeben keinen steuer- und sozialpolitischen Gebrauchswert. Aussagekräftig wäre dagegen ein Vergleich der allerdings nur vage schätzbaren Einkommen plus der Vermögen des reichsten 1 Prozent der Bevölkerung mit den genau bekannten Einkommens- und Vermögensverhältnissen (bzw. der Verschuldung) der 10 Prozent unserer Bevölkerung am unteren Ende der sozialen Skala: Dem 1 Prozent der Superreichen werden Netto-Privatvermögen von insgesamt 4 Billionen (!) Euro zugeschrieben - bei unbekannter Höhe des laufend hinzuerworbenen Einkommens. Die 10 Prozent der Ärmsten sind mit rund 23 Milliarden Euro verschuldet (auch wir können Durchschnitt: 31 613 Euro waren es anno 2016 pro Person, laut Statistischem Bundesamt Wiesbaden.
https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten ... 11430.cae1)

Die zwischen beiden Gruppen liegende Kluft vertieft sich im Minutentakt. Und das ist das sozialpolitische Skandalon unserer Gegenwart. ARD-aktuell überspielt es mit einer Statistikshow – so markig vorgetragen wie gehaltlos in ihrer Aussage, die Merkels stereotypem „Deutschland geht es gut“ entspricht und ihr zuarbeitet.

Die Infamie des in Rede stehenden Beitrags der ARD-aktuell liegt nicht nur in der regierungsfrommen Liebedienerei mitten im Wahlkampf - seine dankbare Aufnahme bei Merkel, Schäuble, Zypries und Nahles darf als gesichert gelten - sondern auch darin, dass weiterhin mit der Plattitüde aufgewartet wird, mehr Bildung verhülfe zu besseren Jobs und Einkommensverhältnissen. Das ist angesichts ungezählter arbeitsloser bzw. nur prekär beschäftigter Akademiker eine Verhöhnung der gesamten Arbeitnehmerschaft, denn der Hinweis auf die fehlende Chancengleichheit in der Bildung aufgrund der krassen sozialen Ungleichheit macht den Beitrag nicht objektiver, solange die Ursachen, Verursacher und Nutznießer der Ungleichheit und sozialen Ungerechtigkeit nicht offen genannt werden.

Die Redaktion ARD-aktuell schloss bereits nach 18 Kommentaren aus dem Publikum die Kommentarfunktion auf tagesschau.de:

Am 15. September 2017 um 20:02 von Moderation
Liebe User,
wegen der hohen Anzahl der Kommentare auf meta.tagesschau.de kann diese Meldung im Moment nicht kommentiert werden.
Wir bitten um Ihr Verständnis.


Nun, aus dem „im Moment“ wurde ein Dauerzustand - aus nachvollziehbaren Gründen. Die kritische Lektüre der 18 publizierten Zuschriften erlaubt jedoch eine Vorstellung von der gesamten heftigen Zuschauerreaktion: Einerseits berechtigter Protest gegen die durchschaute ARD-aktuell-Trickserei, andererseits erzreaktionäre Vorurteile auf desinformiertem Stammtisch-Niveau. Doch nicht das Publikum ist hier zu kritisieren, sondern die Redaktion ARD-aktuell, weil sie methodisch und inhaltlich irreführende Information ausgibt und damit gegen die journalistischen Grundsätze ebenso verstößt wie gegen den Programmauftrag und die Programmrichtlinien des Staatsvertrags.

Wie unglaubwürdig und oberflächlich ARD-aktuell agiert, zeigt sich auch daran, dass auf Tagesschau.de vor gar nicht langer Zeit ganz andere Informationen z.B. zur Einkommenssituation zu lesen waren.

So hieß es am 12.4.17: "Auch komme der wirtschaftliche Aufschwung nicht bei allen an. So hätten die unteren 40 Prozent der Beschäftigten real weniger verdient als Mitte der 1990er-Jahre.... "

Eine "verfestigte Ungleichheit" weist der Bericht bei den Vermögen aus. Danach besitzen die reichsten zehn Prozent der Haushalte mehr als die Hälfte des gesamten Netto-Vermögens, die untere Hälfte dagegen nur ein Prozent". Das waren zwar auch schon schöngeredete Aussagen und Zahlenspielereien, aber immerhin realitsnäher als das, was die Gniffke-Qualitätsjournalisten jetzt in der Endphase des Wahlkampfes abzusondern wagen.

Volker Bräutigam, Friedhelm Klinkhammer
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Maren

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Re: Regierungspropaganda statt Sachinformation

BeitragFr 13. Okt 2017, 15:19

Gesendet: Dienstag, 10. Oktober 2017 um 16:12 Uhr
Von: l.marmor@ndr.de

Betreff: Ihre E-Mail

Sehr geehrter Herr Bräutigam,
sehr geehrter Herr Klinkhammer,

in Ihrer E-Mail vom 18. September 2017 kritisieren Sie erneut die Berichterstattung von ARD-aktuell.

Ich habe die verantwortliche Redaktion gebeten, zu Ihrer Kritik Stellung zu nehmen. Diese Stellungnahme finden Sie im Anhang.
Stellungnahme_kurzerklärt_geschwärzt.pdf
(8.62 MiB) 10-mal heruntergeladen


Aus meiner Sicht liegt kein Verstoß gegen die Programmgrundsätze des NDR oder sonstige Vorschriften vor. Durch die Übersendung dieser Stellungnahme bringe ich dies zum Ausdruck.

Mit freundlichen Grüßen

Lutz Marmor

Intendant des Norddeutschen Rundfunks
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Maren

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Re: Regierungspropaganda statt Sachinformation

BeitragFr 13. Okt 2017, 15:22

Sehr geehrte Rundfunkräte,

Dr. Gniffkes Antwort bzw. die von ihm unterschriebene Stellungnahme ist unbrauchbar, sie geht am Kern der Eingabe vorbei. Gniffke schreibt:

Der Zustand der ungleichen Verteilung von Vermögen wird nicht verharmlost. Im Gegenteil heißt es im #kurzerklärt bereits zu Beginn: „Nur die Hälfte der Deutschen hat laut ARD-Deutschlandtrend noch das Gefühl, dass es hierzulande gerecht zugeht."

Der Chefredakteur hat offensichtlich kein Gespür dafür, dass dieser Satz bereits eine Verharmlosung ist. Es wird so getan, als ob es bei der Frage der Vermögensungleichheit auf das "Gefühl" von Befragten ankäme. Wenn 125 Millardäre über gigantische Vermögen verfügen, eine Minderheit also in unglaublichem Reichtum lebt und andererseits über die Hälfte aller Haushalte nahezu vermögenslos ist und Millionen Menschen von bitterer Armut betroffen sind, dann ist das nicht nur gefühlte, sondern reale Ungerechtigkeit und braucht nicht durch Meinungsumfragen belegt zu werden, Meinungsumfragen, die offensichtlich aussagen sollen, dass es so schlimm mit der Ungerechtigkeit nicht ist, da immerhin fast die Hälfte der Befragten kein "Gefühl" von Ungerechtigkeit habe.

Es handelt sich hier nicht um Information über die krassen sozialen Gegensätze hierzulande, sondern um deren Verschleierung und Verharmlosung. An die Stelle von Wissen über Ursachen und Wirkung der Ungleichheit wird mithilfe der ARD-aktuell das "Gefühl“ gesetzt, etwas kaum Substanzielles. Ein Reicher mag sich arm, ein Gesunder krank, ein Starker schwach fühlen. Gefühle können der Realität entsprechen, zwangsläufig ist das nicht. Schon deswegen ist das Argument des Chefredakteurs unsinnig.

Aber auch schon die Überschrift: "Die Schere zwischen Arm und Reich in Deutschland ist laut Statistik in den vergangenen Jahren nicht weiter auseinandergegangen" ist eine Verharmlosung der bestehenden gigantischen Vermögens- und Einkommensunterschiede, selbst wenn scheinkritisch hinzugefügt wird, sie habe sich auch nicht geschlossen. Ignoriert wird mit solcher Statistiktrickserei der gesellschaftspolitische Trend: In unserem Land werden die Reichen immer reicher, die Armen immer ärmer. Der Reichtum der Wenigen wird immer krasser, die Armut, speziell die Altersarmut, greift immer weiter um sich. Das sind Fakten, deren Ursachen und Folgen darzustellen und nicht mit dem Blödsinn von der angeblich unveränderten Vermögensschere zu verkleistern gewesen wären.

Es ist immer das gleiche Muster, wenn ARD-aktuell seine regierungsfromme Berichterstattung gegen Beschwerden verteidigt: Die Chefredaktion beruft sich auf jeweils gerade passende regierungsamtliche Zahlen und Angaben von Behörden, inkl. Statistisches Bundesamt, und gegebenenfalls auf so „neutrale“ Quellen wie das DIW, eine unternehmensfreundliche Institution des Bundes und des Landes Berlin.

Die Beschwerde richtete sich gerade gegen diese einseitige Quellenauswahl und den vollkommenen Verzicht auf eigenständige Recherchen. Die Vergleiche der Vermögen der oberen 20 Prozent mit denen der unteren 20 Prozent bewirkt eine verharmlosende Nivellierung. Die Vermögen der 125 deutschen Milliardäre sowie der 1,2 Millionen Millionäre (Netto-Geldvermögen) beispielsweise hätten sich ungefähr ermitteln und der Verschuldung der Armen gegenüberstellen lassen. Auf diesen Ansatz unserer Kritik geht die Chefredaktion überhaupt nicht ein. Sie meint, der Programmauftrag zur vollständigen und umfassenden Berichterstattung werde erfüllt, wenn die Zahlen und Angaben pro domo von Regierungen und Behörden vollständig wiedergegeben werden, und die Pflicht, Material zur Einordnung solcher Informationen zu liefern, werde mit ein paar verbalen Schnörkeln rund um die offiziellen Daten erfüllt. Die Abwesenheit jeden kritischen Denkens und Herangehens an das Thema Armut-Reichtum und soziale Gegensätze ist nicht zu leugnen.

Kein Wort auch dazu, dass die Ausführungen auf Tagesschau.de vom 12.4.2017 noch ganz andere Schlüsse zuließen. Kein Wort zu den Vermögensuhren....kein Wort, warum ein so regierungsunkritischer Beitrag kurz vor den Wahlen erscheint.

Es bleibt festzuhalten: Die Stellungnahme der ARD-aktuell ist nicht geeignet, unserer Argumente zu widerlegen, sie ist inakzeptabel.

F. Klinkhammer, V. Bräutigam

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