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Programmbeschwerde: Papstbesuch in Litauen, Geschichtsfälschung

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Maren

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Programmbeschwerde: Papstbesuch in Litauen, Geschichtsfälschung

Beitrag5. Oktober 2018, 21:40

Norddeutscher Rundfunk
Intendanz
Herr Marmor
Rothenbaumchaussee 132
20149 Hamburg


Programmbeschwerde ARD Tagesschau 23.09.2018, 20 Uhr
Papstbesuch in Litauen, Geschichtsfälschung


Sehr geehrter Herr Marmor,

in der Hauptausgabe der Tagesschau vom 23.09.2018 wurde über den Besuch des Papstes in Litauen berichtet.

Jens Riewa sagte in der Anmoderation des Beitrages:

„Papst Franziskus hat in Litauen der Opfer von Nationalsozialismus und Sowjetherrschaft gedacht...“ „...besuchte er in Vilnius die frühere Zentrale des sowjetischen Geheimdienstes KGB“.

Christian Spichler erläuterte im folgenden Filmbeitrag:

„Auf seiner Reise durch das Baltikum sucht der Papst Orte auf, an denen Menschen gelitten haben. Zu diesen zählt das ehemalige KGB-Gefängnis in Vilnius. Während der sowjetischen Besatzung wurden hier zehntausende eingesperrt, gefoltert und dann nach Sibirien geschickt ...“

“An die Zeit der deutschen Gewaltherrschaft erinnert der Papst am Mahnmal für die Opfer des Holocaust. An jenem Ort, wo bis 1943 das jüdische Ghetto lag. Insgesamt sind rund 200.000 litauische Juden während des 2. Weltkriegs ums Leben gekommen.“

Wir kritisieren an Ihrem Beitrag folgendes:

Die Nennung der Opfer der Nazikriegsverbrechen und der Opfer des ehemaligen sowjetischen Geheimdienstes KGB in einem Absatz ist eine Verharmlosung der Nazi-Kriegsverbrechen und eine Verfälschung der Geschichte. Außerdem haben Sie wichtige Kontextinformationen einfach unterdrückt. Sie haben damit die Internierung und gezielte Ermordung von Juden, Litauern und Kriegsgefangenen durch die Nazis und deren litauische Helfer gleichgestellt mit der Inhaftierung und Bestrafung von Nazis, Nazikollaborateuren und von sogenannten litauischen Freiheitskämpfern durch den KGB.
Sie haben manipulativ von „sowjetischer Besatzung“ geredet. Dabei haben Sie ausgeblendet, dass die geopolitische Situation im Baltikum nach 1945 ein Ergebnis des zweiten Weltkrieges war. Würden Sie denn auch von „Tschechischer Besatzung des Sudetenlandes“ sprechen?

Sie haben manipulativ verharmlosend mitgeteilt, dass 200.000 litauische Juden während des zweiten Weltkrieges „ums Leben gekommen“ sind. Von „ums Leben kommen“ spricht man bei Naturereignissen wie z. B. Erdbeben. In Litauen wurden 200.000 Juden brutal ermordet. Weiterhin ermordeten die Nazis gemeinsam mit einheimischen Kollaborateuren 230.000 Kriegsgefangene aus der Sowjetarmee und 150.000 litauische Widerstandskämpfer.

Warum der Papst ausgerechnet in Kaunas eine Freiluftmesse abhielt, wurde durch Sie nicht erwähnt. Etwa, weil in Kaunas zufällig die Sonne schien am Tag des Papstbesuchs? Nein! In Kaunas gab es am 23.06.1941 die ersten Massenmorde an Juden, welche durch litauische Nationalisten begonnen wurden, später gemeinsam mit der SS fortgesetzt wurden. Die von Ihnen sogenannten „Freiheitskämpfer“ waren keineswegs immer nur einfache Freiheitskämpfer. Diese haben schon vor dem Eintreffen der deutschen Wehrmacht und der SS litauische Juden verfolgt, und beim Eintreffen der SS die Juden und Russen ans Messer geliefert, und nahmen zu einem großen Teil selbst an Massenmorden teil.

Sie haben dem Papstbesuch Ihre ganz eigene (anti-sowjetische / anti-russische) Wichtung der Besuchs-Abschnitte, der besuchten Orte und des Gedenkens aufgedrückt. Ihren eigenen Spin der geschichtlichen Ereignisse. Manipulativ haben Sie eine eigene virtuelle Version des Papstbesuchs erzeugt, welche nur wenig mit der Gesamtheit des tatsächlichen Papstbesuchs zu tun hat.

Folgende Kontextinformationen wären für ein korrektes Verständnis Ihres Nachrichtenbeitrages zumindest auszugsweise erforderlich gewesen:

In Litauen begann die Diskriminierung der Juden schon nach dem ersten Weltkrieg. In den ersten Tagen der faschistischen Okkupation in Litauen begann die brutale Repression und Vernichtung der Juden. Ausgehend von Erkenntnissen von Historikern wurden einheimische litauische Kollaborateure zu Handlangern des größten Teils der Massenmorde an litauischen Juden. Jedoch bewerteten bisher die litauischen Behörden diese Teilnehmer des mehrere Jahre andauernden Genozids nicht angemessen. Nachfolgend dazu nähere Angaben:

Bei den folgenden Ausführungen handelt es sich um auszugsweise Übersetzungen aus Texten und Interviews der Historiker Sergej Bjelow (Leiter des „Museums des Sieges“), Konstantin Salesskij und Nikolaj Meshewitsch.

Die Zeit nach dem ersten Weltkrieg

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war Litauen eines der Länder Europas, in denen der Anteil der jüdischen Bevölkerung sehr hoch war. Das war damit verbunden, dass im 16. und 17. Jahrhundert das litauische Territorium zum polnischen Reich gehörte, in dem die sozialpolitische Stellung der Juden bedeutend besser war, als in vielen anderen Ländern. Das Gebiet Litauens wurde so eines der wichtigsten Zentren der jüdischen Kultur in Europa.
Die anfänglichen Beziehungen zwischen Juden und Litauern kann man nicht als schwierig aber auch nicht als besonders freundschaftlich bezeichnen, aber insgesamt als normal.

Nach der Erlangung der Selbständigkeit (nach dem ersten Weltkrieg) dachten viele Litauer, dass nun solch ein wohlhabendes Leben beginnt, wie – der Legende nach - während des großen litauischen Fürstentums, jedoch trat dies nicht ein. Und es begann die Suche nach Schuldigen, als welche ein Teil der Litauer die Juden ausmachte. Von Zeit zu Zeit fanden in Litauen antisemitische Ausbrüche statt, in deren Folge die litauischen Gesetzgeber die Rechte der litauischen Juden einschränkten. Die litauischen Behörden versuchten jedoch, Gewalt gegen Juden zu verhindern.

Die „Front der litauischen Aktivisten“ und Massentötungen in Kaunas

Nach dem Beginn des Krieges im Osten okkupierten die deutschen Faschisten die baltischen Republiken sehr schnell. Am 22.6.1941 überfielen die Faschisten die Sowjetunion. In Litauen begannen örtliche Nationalisten mit der Tötung von Juden noch bevor die Nazis in Litauen einmarschierten.

Eine der ersten Massentötungen ereignete sich in Kaunas. Am 23. Juni 1941 begann die „Front der litauischen Aktivisten“ – ursprünglich eine Emigrantenorganisation, welche es geschafft hatte gemeinsam mit den ersten Einheiten der Faschisten nach Litauen zu gelangen, tausende einheimische Helfer für Pogrome anzuwerben. Innerhalb einer Woche vernichteten Sie in Kaunas ungefähr 4.000 Juden (die Tötungen erfolgten mittels Äxten, Mistgabeln, Eisenstangen und mittels Schläuchen, mit denen den Opfern Wasser bis zum Tode eingefüllt wurde). Die Tötungen gingen einher mit Raub, Vergewaltigungen und Leichenschändungen. Am 25. Juni 1941 kam der Kommandeur der Einsatzgruppe A, Brigadeführer Walter Stahlecker, in Kaunas an und unterstützte die Aktionen der einheimischen Nationalisten. Im Juli 1941 begannen die Nazis mit der Vernichtung von Juden im 9. Fort der Kovensker Festung. Bis 1944 wurden dort ca. 50.000 Menschen ermordet. Allein Ende Oktober 1941 vernichteten die Nazis dort 9.000 Juden, die Hälfte davon Kinder.

Die Tragödie von Vilnius

Vilnius wurde früher oft das Nördliche Jerusalem genannt. 1939 machten Juden einen Bevölkerungsanteil von 29% aus.
Am 24. Juni 1941 begann ein Pogrom gegen Juden in Vilnius. Die Führer der jüdischen Gemeinde in Vilnius baten erfolglos bei einflussreichen Litauern um Hilfe. Am 2. Juli 1941 kamen in Vilnius Vertreter der Einsatzgruppe A an. Mit der Unterstützung litauischer Kollaborateure begannen auch sie mit Aktionen zur Vernichtung der einheimischen Juden. In der Nähe der Eisenbahnstation Panerjai führten sie Massenerschießungen durch. Es wurden Prämien ausgelobt für die Aushändigung von Juden, welche sich vor den „Bestrafungen“ versteckten. Das Leben eines erwachsenen Mannes war 10 Rubel wert.

Im Jahre 1942 waren im Vilniuser Ghetto Untergrundstrukturen aktiv, eine Partisanenorganisation, welche einen Aufstand mit Unterstützung der Roten Armee plante. Jedoch konnten die Teilnehmer des Aufstands nicht ihre Ziele erreichen. Der Aufstand begann am 23.09.1942. Einige Tausend Aufständische wurden deportiert in Konzentrationslager in Estland, Polen und Lettland, wurden erschossen oder in Lager in Litauen geschickt. 4000 Menschen wurden direkt ins Vernichtungslager Sobibor gebracht. Einige hundert Menschen konnten flüchten und sich Partisanengruppen anschließen. Einige Juden wurden gerettet dank der Hilfe des Feldwebels der Wehrmacht Anton Schmidt. Er wurde daraufhin erschossen auf Entscheidung eines Kriegs-Feldtribunals.

Die litauischen Schutzmannschafts-Bataillone

Auch wenn die Führung der SS die Vernichtung der Juden als ihre große Mission ansah, litten die SS-Angehörigen selbst unter den massenweisen Tötungsaktionen, fühlten sich psychisch gestresst. Ein Ausweg war die Einführung von Gaskammern in den Vernichtungslagern, ein anderer war die Verwendung von einheimischen Kollaborateuren. Angehörige der Hilfspolizei und anderer kollaborierender Organisationen führten am häufigsten die Exekutionen durch, während die Deutschen den Prozess der Vernichtung planten und beobachteten. Die litauische Hilfspolizei erwies sich als eine der schlimmsten. Die Litauer töteten mit Methode, während z. B. die Ukrainer eher undiszipliniert waren, meint der Historiker Konstantin Salesski. Aus den litauischen Kollaborateuren wurden 22 Bataillone der Hilfspolizei gebildet, welche Schutzmannschaftsbataillone genannt wurden. Jedes bestand aus 500 bis 600 „Kämpfern“. Litauische Hilfspolizei-Einheiten nahmen auch auf dem Territorium Weißrusslands an Strafaktionen teil, töteten ca. 9.000 Kriegsgefangene aus der Sowjetarmee in Minsk.

Historische Verantwortung

Der Historiker Meshewitsch schätzt ein: Die Regierung Litauens solle letztendlich selbst politische Verantwortung übernehmen und eine Bewertung der Taten der Kollaborateure machen. Litauische Politiker werden natürlich nicht offen entscheiden, einen Genozid einzugestehen, da dies eine Reaktion der internationalen Gemeinschaft nach sich ziehen würde. Jedoch die Versuche, die Nazi-Helfer in die Uniform von „Kämpfern für die Freiheit vom Sowjetregime“ zu stecken, gibt es dort regelmäßig.

Zusammenfassung:

Ihr Fernsehbeitrag reiht sich ein in eine Vielzahl ähnlich gelagerter Beiträge, in denen die Verbrechen der Naziherrschaft relativiert werden, indem sie in einem Satz genannt werden mit sowjetischen „Speziallagern“ und „Arbeitslagern“. So z. B. ein MDR-Bericht über das Konzentrationslager Buchenwald im April 2018. Der Bericht hatte seinen Schwerpunkt nicht darauf, dass in dem Konzentrationslager hunderttausende Juden, deutsche Kommunisten, und Kriegsgefangene aus halb Europa Zwangsarbeit, Hunger, Krankheiten und Vergasung in Gaskammern ausgesetzt waren, nein, es wurde schwerpunktmäßig über die Nutzung des Lagers als sowjetisches „Speziallager“ berichtet. Wer dort warum festgehalten wurde, das blieb ungenau.

Ihre Berichterstattung erweckt den Eindruck, dass in Ihren Redaktionsleitungen eine Art Schizophrenie grassiert. Einerseits verharmlosen Sie Naziverbrechen einschließlich Pogromen, und deuten regelmäßig geschichtliche Vorgänge um. Andererseits übertreiben Sie maßlos bei Berichterstattungen z. B. über die Ereignisse in Chemnitz Ende August / Anfang September 2018. Dort haben Sie pauschal eine ganze Volksgruppe (ungerechtfertigt) quasi als geborene Nazis dargestellt, hier haben Sie das Wort „Pogrom“ verwendet. Denjenigen, der es wagte, die Unwucht in der Berichterstattung über Chemnitz vorsichtig anzudeuten, den haben Sie anschließend in einem Shitstorm der medialen Entrüstung fertiggemacht.

Nach hunderten Programmbeschwerden ist für uns offensichtlich, dass es Ihnen nicht um korrektes historisches und geopolitisches Verständnis bei Ihren Zuschauern geht, sondern um die Manipulation Ihrer Zuschauer. Meist ist diese Manipulation gegen Russland gerichtet, aber auch gegen Chinesen, Griechen, Ostukrainer, Katalanen, Syrer und andere Völker, je nachdem wie der Wind aus dem Kanzleramt und den Büros von Atlantikbrücke und Atlantic Council gerade weht. Hinzu kommt die Einflussnahme durch „ThinkTanks“ – das sind Stiftungen - wie z. B. die Heinrich-Böll-Stiftung oder die Stiftung für Wissenschaft und Politik.

Ihre Manipulation besteht in der selektiven Verwendung und Wichtung von Informationsteilen, aus dem Entfernen von Kontextinformationen, Re-Kontextualisierung, Unterschlagung von Informationen, Verwendung von ungeprüften Falschinformationen. Da dies Teil der Vorbereitung eines neuen Krieges sein kann, den die Mehrheit Ihrer Zuschauer und der allergrößte Teil Ihrer Nicht-Zuschauer nicht will, werden wir auch weiterhin gegen Ihre Propaganda anschreiben. Anstatt das Problem immer nur bei Ihren Kritikern zu sehen, sollten Sie endlich anfangen, Ihren Journalismus unabhängig zu machen von politischen, ideologischen und vor allem von transatlantischen Einflussnahmen.

Quellen und weiterführende Informationen:

Die Vernichtungspolitik basierte auf einheimischen Kollaborateuren. Wie die Nazis den Holocaust in Litauen durchführten: https://russian.rt.com/science/article/ ... i-holokost
KZ Kauen: https://de.wikipedia.org/wiki/KZ_Kauen
Litauische Aktivistenfront: https://de.wikipedia.org/wiki/Litauisch ... istenfront
Kollaborateure in Litauen: http://www.arbeit-und-leben-hochtaunus. ... ateure.pdf
Gedenkort Vilnius: https://www.gedenkorte-europa.eu/de_de/s2-1.html

Zum Zwecke der Transparenz werden diese Beschwerde und weiterführender Schriftverkehr auf der Webseite des Vereins http://forum.publikumskonferenz.de/ veröffentlicht.

Mit freundlichen Grüßen

Jens Köhler

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