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WDR-aktuell und Trumps brisanter Tweet

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Maren

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WDR-aktuell und Trumps brisanter Tweet

Beitrag19. Juli 2018, 21:40

Westdeutscher Rundfunk Köln
Intendanz
Herrn Buhrow
Appellhofplatz 1
50667 Köln

Programmbeschwerde - WDR-aktuell vom 16.07.2018, 11:00 Uhr-Nachrichten

Sehr geehrter Herr Buhrow,

„Kommunikationsmacht wird in Zukunft Online-Macht sein“, wussten bereits vor 10 Jahren die ersten politischen Netzpioniere und überschlugen sich vor Begeisterung über den twitternden Präsidentschaftskandidaten Obama. Der US-Twitter-Wahlkampf von Barack Obama ist 2008 als Revolution in die Politikgeschichte eingegangen, da der Politiker als erster die technischen Möglichkeiten des Internets mit Erfolg für seinen Wahlkampf nutzte.

Der Vermittlung politischer Botschaften durch Medien kommt nicht nur im Wahlkampf eine zentrale Rolle zu, sondern bestimmt auch das aktuelle politische Tagesgeschäft. US-Präsident Trump hatte die Schwachstellen dieser Kooperation schnell erkannt und deshalb den Mikroblogging-Dienst Twitter zu seinem zentralen Kommunikationskanal ernannt. Trump war es leid den amerikanischen Medien die Distribution seiner politischen Verlautbarungen anzuvertrauen, da diese kaum ohne Verfälschungen und Auslassungen an die eigentlichen Adressaten gelangten. Das Echtzeitmedium Twitter lebt von der Aktualität und dem direkten Kontakt vom Sender zum Empfänger – früher begrenzt auf 140 Zeichen – inzwischen für Plaudertaschen ganze 280 Zeichen lang.

Donald J. Trump‏ @realDonaldTrump
While I had a great meeting with NATO, raising vast amounts of money, I had an even better meeting with Vladimir Putin of Russia. Sadly, it is not being reported that way - the Fake News is going Crazy!


Die Kunst beim Twittern besteht darin, die relevanten Teile der Botschaft innerhalb der Text-Limitierung unterzubringen und Twitter-Profis schaffen das in der Regel auch mühelos.

So twitterte Trump anlässlich seines Treffens mit dem russischen Präsidenten in Helsinki unter Limit:

„Our relationship with Russia has NEVER been worse thanks to many years of U.S. foolishness and stupidity and now, the Rigged Witch Hunt!“


https://twitter.com/realDonaldTrump/sta ... 0298456066

Sinngemäß übersetzt heißt das, dass die Beziehungen der USA zu Russland niemals schlimmer waren, Dank der vielen Jahre Dummheit und Idiotie seitens der USA und der nun manipulierten Hexenjagd.

Für die Nachrichten von WDR-aktuell vom 16.07.2018 waren das offenbar zu viele Zeichen um sie in den 11-Uhr-Nachrichten angemessen unterzubringen. So verkündete die Nachrichtenstimme kurzerhand wörtlich, „dass US-Präsident Trump das Verhältnis der USA zu Russland als beispiellos schlecht bezeichnet. Es sei noch nie schlimmer gewesen, schrieb Trump auf Twitter kurz vor seinem Treffen mit dem russischen Präsidenten in Finnland.“

Der für diese präsidiale Verlautbarung relevante Teil des Tweets – nämlich die konkrete Schuldzuschreibung für diesen Zustand an das eigene Land - wurde von den WDR-Nachrichten kurzerhand unterschlagen. Es wird seitens der Beschwerdeführer vermutet, dass Trumps Selbstkritik der - täglich um relevante Inhalte ringenden - Redaktion schlichtweg nicht zusagte. Vielleicht glaubte die Redaktion auch, dass die relevanten Zeichen des Tweets große Teile des Publikums verunsichern könnten?

Diese Programmbeschwerde thematisiert mitnichten nur ein kleinteiliges Vergehen, sondern zeigt exemplarisch die Arbeitsweise von Massenmedien auf, die nach Gutdünken darüber entscheiden, welche politisch brisanten Informationen den Rezipienten vorzuenthalten sind und welche zur Verbreitung taugen. Trumps innovative Methodik, notorisch informationsverstümmelnde mediale Zwischenhändler zu umgehen, wird durch solche Musterbeispiele recht deutlich veranschaulicht.

Die verkürzte Wiedergabe der schriftlichen Verlautbarung des US-Präsidenten stellt eine Verfälschung der Redeabsicht und einen Verstoß gegen die Wahrheitspflicht dar. Insinuiert doch die verkürzte Wiedergabe der Twitter-Verlautbarung Trumps an ein Publikum, welches größtenteils nicht im Besitz eines Twitter-Accounts ist, eine beispiellos unversöhnliche Haltung der Vereinigten Staaten Russland gegenüber und lässt die Schuldfrage dafür bewusst offen für Spekulationen, obwohl Trump für alle Welt sichtbar, eine präzise Information bereitgestellt hatte.

Sowohl die nicht enden wollende und gleichklingende mediale Hexenjad gegen die Russische Föderation und deren Präsidenten, als auch der despektierliche Umgang mit dem aktuellen Präsidenten der USA, verstört und verärgert zunehmend große Teile der deutschen Bürgerschaft. Sie sehen sich mit einer Medienlandschaft konfrontiert, die klar erkennbar gegen internationale Entspannungspolitik mobil macht und vorsätzlich Konflikte schürt. Das ist nicht Ihre Aufgabe und dafür werden Sie nicht bezahlt.

Der Erste Senat in Karlsruhe stellte aktuell angesichts des Urteils zum Rundfunkbeitrag fest, dass der Auftrag für die Öffentlich-Rechtlichen darin bestehe, „ohne den Druck zu Marktgewinnen die Wirklichkeit unverzerrt darzustellen.“ Ein unverzerrtes Bild kann nur entstehen, wenn Zusammenhänge vollständig vermittelt werden und somit kein Raum für Spekulationen und Fehldeutungen bleibt.

Der Wahrheitspflicht nachzukommen heißt, vollständige Informationen zu geben. Vollständigkeit heißt wiederum nichts wegzulassen, was wichtig ist. Entlastendes wie Belastendes sind gleichermaßen darzustellen (BHG, NJW 1997, 1148). Fehlende Sendezeit oder zeitlicher Informationsdruck sind dem gegenüber unbeachtlich. (hier: Hahn/Vesting, Beck‘scher Kommentar zum Rundfunkrecht, Seite 450, Randnotiz 57)

Die Wahrheitspflicht dergestalt, dass Aussage und Wirklichkeit übereinstimmen, entspringt dem allgemeinen Persönlichkeitsrecht, das auch dagegen schützt, dass jemandem Äußerungen in den Mund gelegt werden, die er nicht getan hat und die seinen von ihm selbst definierten sozialen Geltungsanspruch beeinträchtigen. Aussage und Wirklichkeit müssen übereinstimmen. (siehe Beck‘scher Kommentar zum Rundfunkrecht, Hahn/Vesting, Seite 449, Randnotiz 55/56)

Aus Gründen der Transparenz werden wir diese Programmbeschwerde sowie die Antwort der Programmverantwortlichen auf der Webseite des Vereins http://forum.publikumskonferenz.de/ veröffentlichen.

Mit freundlichen Grüßen

Maren Müller
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Re: WDR-aktuell und Trumps brisanter Tweet

Beitrag28. August 2018, 19:59

Uns erreichte eine recht ansprechende Antwort aus der WDR-Nachrichtenredaktion, obwohl die Argumentation zur Auslassung leichte Schlagseite hat:
Antwort_Trump_Twitter_geschwärzt.pdf
(1.7 MiB) 64-mal heruntergeladen

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